!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> #40 Frauenarbeit

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07.04.2021

aus: Wildcat 40 / November 1986

Aus flinken Fingern eine Waffe machen

Schon seit langen sitzen wir an einem Artikel über »Frauenarbeit und Klassenkampf«, um einerseits unsere konkreten Schwierigkeiten in den Frauenbetrieben, all die widersprüchlichen Situationen, mit denen wir es zu tun haben, auf die Reihe zu kriegen.

Und andererseits ist uns daran gelegen, in die autonome Frauendebatte einzugreifen, die sich in Sackgassen festzufressen droht.

Wir haben dann aber immer alle Probleme gleichzeitig reinzupacken versucht, das Thema Hausarbeit, die Diskussion in der Frauenbewegung, die Schwierigkeiten in den Frauenbetrieben usw. Und dann ist da noch die ganz persönliche Betroffenheit der Autorinnen, die selber in Frauenbetrieben stecken und mit den Schwierigkeiten alltäglich konfrontiert sind: die Einstellung, daß frau ja nur vorübergehend hier arbeitet; daß sie es ja eigentlich »gar nicht nötig« hat; daß sie sich zurechtmacht, um dem Meister zu gefallen; daß sie sich nichts »erlauben« kann, weil sie auf die Arbeit angewiesen ist, um den Eigenheimbau zu finanzieren; ... diese Einstellungen und Verhaltensweisen finden wir überall in den Nähfabriken, an den Verpackungsbändern, den Löt-Tischen. Wir können sie uns zum Teil erklären, wir können stille Bewunderung aufbringen für die Zähigkeit und Ausdauer, mit der sie einen ewiglangen Arbeitstag bewältigen. Und wir könnten ihnen vor Wut ins Gesicht springen, wenn sie sich alles gefallen lassen, wenn sie über die Faulheit und das Krankmachen junger Frauen herziehen…

Um diese ganzen Widersprüchlichkeiten als Reichtum entwickeln zu können und sie uns nicht immer nur als Knüppel zwischen die eigenen Beine zu werfen, gehen wir sie also nacheinander von verschiedenen Seiten her an: die Analyse der arbeitsorganisatorischen Maßnahmen in der Nr.36 war ein Anfang. Diesmal schreiben wir im Rahmen des Schwerpunktes Arbeitsmarkt über die neuen (und alten) Bedingungen der Frauenlohnarbeit nach 1974 und seit dem Boom der letzten zwei Jahre. Der Artikel ist also begrenzt; außerdem bezieht er sich dort, wo er konkret wird, nur auf Industriearbeit oder Arbeit in Dienstleistungsklitschen. In den nächsten Monaten wollen wir zu folgenden Themen und Bereichen etwas genauer arbeiten. Schickt uns Material!

  • Rolle der Frauen im Kampfzyklus 69-73
  • Elektronikarbeiterinnen
  • Frauen in der Fabrik
  • Büroarbeit
  • Krankenhausarbeit

Ein weiteres Problem sind auch immer die Berge von Mystifikationen in der linken Diskussion, die wir wegschaufeln müssen.

»Die Klasse – die Frauen« zu keinem anderen Thema schwirren so viele ideologische Versatzstücke und Mythen durch die Bewegung. Die reformistische Linke reproduziert kapitalistische Mythen über die Verdrängung der Frauen aus der Lohnarbeit und schlägt als Gegenrezept umfassende Qualifizierung der Frauen vor. Die revolutionäre/autonome/feministische Linke thematisiert nur noch die unbezahlte Reproduktionsarbeit der Frauen. Die Forderung nach Qualifizierung ist politisch falsch, weil sie die Kapitalinteressen transportiert; die Forderung nach Lohn für Hausarbeit geht an der Subjektivität der Frauen vorbei und hat sich in den letzten Jahren als politische Sackgasse herausgestellt.

Währenddessen hat sich in den letzten zwei Jahren in der BRD ein neuer kapitalistischer Boom vollzogen, der wesentlich von Frauen getragen war, die in die Industrie rekrutiert wurden. Schon ein Blick auf die neuen Beschäftigungszahlen zeigt, daß es ein »Zurück an Heim und Herd« nicht gegeben hat: weder in den Plänen der Kapitalisten, noch im Bewußtsein der Frauen, die ein eigenes Einkommen und damit ökonomische Unabhängigkeit von Männern anstreben. Die Kampagne der Regierungspartei war nur die ideologische Begleitmusik, um die große Masse der Frauen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu drücken. Die Redefinition überholt geglaubter Geschlechterrollen soll die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau als Klassenspaltung neu durchsetzen und die Vernutzung der Frauen durch die Kombination von flexibler, zeitlich reduzierter, aber intensiv genutzter Lohnarbeit und Familienarbeit perfektionieren. Dabei sind auch die gewerkschaftlichen und reformistischen Qualifizierungsbestrebungen voll aufgenommen worden.

Arbeitsmarktentwicklung seit 19741

Der Beschäftigungsabbau 1974-77 traf gleichermaßen Männer wie Frauen. Dann setzt aber ein deutliches Beschäftigungswachstum für deutsche Frauen ein, das trotz steigender Arbeitslosenzahlen nach 1980 nicht revidiert wird. 1984 stehen rund 6 Prozent, 1985 rund 7 Prozent mehr deutsche Frauen in sozialversicherungspflichtigen(!) Beschäftigungsverhältnissen als 1974. Während seit 1973 ca. eine Million Ausländerarbeitsplätze abgebaut wurden, waren 1984 genausoviele deutsche Frauen vollzeiterwerbstätig wie 1974 (im Gegensatz dazu waren 1984 3 Prozent weniger deutsche Männer beschäftigt). Der Anteil der festeingestellten vollzeitbeschäftigten Frauen ist also gleich geblieben. Insgesamt gibt es sogar eine Zunahme an Frauenarbeitsplätzen als Folge der Ausdehnung der Teilzeitarbeit. Damit haben die deutschen Frauen die Ausländer auf dem Arbeitsmarkt mehr als ersetzt.

Trotz dieser Vermehrung der Arbeitsplätze war die offizielle Arbeitslosigkeit bei Frauen immer relativ höher als bei Männern; die statistische Arbeitslosigkeit geht auch nicht im gleichen Maß zurück wie die Beschäftigung steigt.

Die »stille Reserve« wird mobilisiert …

Also mehr Frauenlohnarbeit und gleichzeitig relativ höhere Frauenarbeitslosigkeit. Wie das?

Die Erklärung ist einfach: das Kapital hat verstärkt neue, bisher nicht arbeitende und nicht arbeitslos gemeldete Frauen (die sogenannte »stille Reserve«) in die Produktion einbezogen. Gleichzeitig wurden massiv v.a. ältere Frauen vom offiziellen Arbeitsmarkt ausgesondert und in versicherungsfreie oder Schwarzjobs oder eben die Hausarbeit gedrückt. Diese Jobs sind in keiner Statistik erfaßt, es gibt nur ungefähre Schätzungen, die 1979 (!) auf eine Million Frauen in versicherungsfreien Jobs unter 15 Stunden die Woche kamen.

Dagegen steigt die Beschäftigung jüngerer Frauen. Immer mehr Frauen arbeiten. In den USA stieg die Frauenerwerbsquote zwischen 1950 und 1984 von 31,4 Prozent auf 53,9 Prozent. Ein Drittel aller Mütter kehrt an die Arbeit zurück, bevor ihr Kind sechs Monate alt ist. Der stärkste Beschäftigungsanstieg liegt bei Frauen mit Kindern unter sechs Jahren.

Und es gibt die Tendenz, daß die Frauen dauerhaft arbeiten. Die »Normalfamilie« mit dem Vater als Ernährer von Frau und Kindern hat es gerade mal zwei Jahrzehnte lang gegeben, heute ist sie im Aussterben begriffen.

... zu den Löhnen von damals

Nach 1973 wurden in der BRD massiv Produktionsstätten der Elektronik-, optischen und Textilindustrie geschlossen und in südostasiatische Länder ausgelagert, die mit niedrigsten Löhnen und »fügsamen« weiblichen Arbeitskräften warben. Auch dort hat es in den letzten Jahren Kämpfe gegeben, die Produktionskosten in Singapur sind nicht mehr unbedingt konkurrenzfähig. Der Neubau von Chips-Produktionsstätten und Montagewerken in der europäischen Peripherie und sogar in der BRD zeigt von neuem, daß die Propaganda der 70er Jahre: in den Metropolen Blaupausen, in der Dritten Welt Massenproduktion, revidiert werden muß. In die Entwicklung von Maschinen und Automaten zur Chipsherstellung und zur Bestückung von Leiterplatten ist in den letzten Jahren sehr viel Kohle investiert worden.

Zur Arbeit an diesen Maschinen und zur Ergänzung dieser Arbeit in flexiblen Montagegruppen werden Arbeitskräfte gebraucht, die mehrere Qualifikationen in sich vereinigen und trotzdem billig sind. Über die besondere Eignung von Frauen zu feinen Montagearbeiten ist schon viel geschrieben worden: das Einüben solcher Arbeiten von klein auf, die Ähnlichkeit zu den typischen Frauen-Handarbeiten wie Nähen, Sticken etc., die Sorgfalt im Umgang mit zerbrechlichen Gegenständen, die Fähigkeit zur Kommunikation untereinander, um die einzelnen Fertigungsschritte aufeinander abzustimmen. Da die teuren Maschinen kontinuierlich laufen sollen, wird zudem die Bereitschaft zur Schichtarbeit erwartet. In den zwei Jahren, in denen die Elektronikindustrie boomte, wurden also massiv Frauen eingestellt, Frauen aus allen Schichten und mit den unterschiedlichsten Ausbildungen, von denen viele zum ersten Mal eine Fabrik von innen gesehen haben.

Rechtlich flankiert wurde das alles vom Beschäftigungsförderungsgesetz

Gerade rechtzeitig kam das Beschäftigungsförderungsgesetz, das speziell auf die Mobilisierung weiblicher Arbeitskraft in die Lohnarbeit unter besonderen, die gültigen Tarifverträge außer Kraft setzenden Bedingungen zugeschnitten ist. Die Befristung von Arbeitsverträgen ist für die meisten Frauen nichts Neues: im Handel, als Saisonarbeit vor Weihnachten, im Versandgeschäft ist sie schon jahrelang üblich gewesen; ein besonderer Vorreiter war dabei der öffentliche Dienst: Einstellungsstopp plus Arbeit auf Zeit ist hier seit Anfang der 70er Jahre die Devise gewesen.

Das Beschäftigungsförderungsgesetz legalisiert nur die schon lange gängige Praxis der Prekarisierung der Frauenarbeit: individualisierte Arbeitsverhältnisse, Befristung, Werkverträge, Teilzeit, Kapovaz, Gelegenheitsarbeit, auf Abruf.

Nach dem neuen Gesetz braucht für die Befristung kein Grund mehr angegeben zu werden wie »Schwangerschaftsvertretung«, »vorübergehender Arbeitsanfall« o.ä. Damit sind alle Hindernisse gefallen, die Arbeitsverträge auch in der Industrie und in Klein- und Mittelbetrieben breit anzuwenden, und zwar vor allem bei der Einstellung von Frauen. Denn wer schwanger wird, verliert mit Ablauf des Vertrags ganz regulär den Job.

Unter diesen Bedingungen kann eine Frau nur »Zuverdienerin« sein: Wenn sie arbeitslos wird, reicht ihr das Geld kaum noch zum Alleine-Leben. Aber sie kann hoffen: nach vier Monaten Pause kann sie nämlich laut Gesetz im selben Betrieb wieder befristet anfangen.

Die bunte Neuzusammensetzung

Begünstigt durch das Beschäftigungsförderungsgesetz und die Flexibilisierung ist also eine sehr bunte Mischung von Frauen in die Montageabteilungen der Elektroindustrie rekrutiert worden:
Da ist die junge Frau, Friseuse oder Verkäuferin gelernt, dann in die Fabrik gekommen, weil das Arbeitslosengeld nicht reicht: modische Klamotten, Disco, eigenes Auto, eigene Wohnung ... und deshalb ist es klar, daß sie arbeiten geht.
Da ist die lebenslange Arbeiterin, die sich »nichts erlaubt«, die ihre Aufgabe drin sieht, die Jungen zu »erziehen«, die respektiert sein will ... und die auch nach 25 Jahren keine Minute zu früh in die Pause geht.
Da ist die Superhausfrau, die sich und anderen beweisen will, daß sie beides schafft. Die bei der Arbeit nicht fehlt, immer etwas mehr als das Soll arbeitet. Und trotzdem den Haushalt hauptverantwortlich führt. Die sich nichts gönnt, sich für nichts Zeit nimmt, was darüber hinaus geht.
Da sind die Frauen, die sich mit ihrem Mann gemeinsam auf den Eigenheimbau eingelassen haben – gerade in den Großbetrieben, wo die Mehrheit aus dem dörflichen Umland kommt, ist das sehr verbreitet. Und das heißt für sie: die nächsten 10, 15 Jahre ohne Unterbrechung malochen, Arbeitslosigkeit ist nicht drin. Und »nebenher« noch die Familie versorgen. Was diese Frauen extrem erpreßbar macht…

Wenn das Kapital Männer durch Frauen ersetzt...

Wenn männliche Arbeiter durch weibliche ersetzt werden, bedeutet das also einen großen Schritt bei der Schaffung einer disponiblen Arbeitskraft. Es bedeutet zweitens die Einsparung von Lohn.

Der durchschnittliche Frauenlohn betrug in der BRD 1984 61 Prozent eines Männerlohns.

In den 70er Jahren kämpften Frauen um gleichen Lohn und für die Abschaffung der untersten Lohngruppen, lineare Lohnerhöhungen ließen die Löhne der Ungelernten schneller steigen. Diese Angleichung der Löhne wurde vom Kapital als schwere Bedrohung erkannt: Keine Ausbeutung ohne Klassenspaltung. Die Krise wurde deshalb hauptsächlich gegen Frauen, Jugendliche und Ausländer gerichtet, um sie jetzt wieder in niedrige Löhne reinzudrücken. In der Metallindustrie, wo es einen Einstellungsboom für Frauen gegeben hat, kommt die große Mehrheit der Frauen heute nicht über die beiden untersten Lohngruppen hinaus. Auf diesem Niveau liegen auch die Löhne der ungelernten jungen Arbeiter. Es hat eine Angleichung nach unten stattgefunden.

...greift es den Status quo mit der Arbeitermacht an

Wenn die Beschäftigung von Frauen stärker steigt als die von Männern, ist das immer auch ein Angriff auf tariflich durchgesetzte Arbeitsbedingungen oder speziell auf die (männliche) Arbeitermacht in der Fabrik: ein altes Mittel, um starre Kräfteverhältnisse aufzubrechen.

Ein Beispiel dafür sind die Facharbeiterabteilungen, die relativ hohe Rigidität gegenüber Steigerung der Arbeitsbelastung, Funktionenhäufung etc. entwickeln konnten, wie z.B. die Prüffelder in den Elektrofabriken. Die neuen Prüfautomaten können auch von Frauen bedient werden, die rein gar nichts von Elektronik verstehen. Sie verfügen über keine anerkannte Qualifikation, auf der sie beharren könnten, um nicht Mädchen für alles sein zu müssen. Welche Arbeit sie für die 10, 11 Mark noch machen und welche nicht mehr (Reparaturen, früher »Privileg« der Facharbeiter), dafür haben sie natürlich keine Kriterien. Als einziges Kampfmittel bleibt ihnen, langsam zu arbeiten. Und wohl genau deshalb wird auf den typischen Frauenarbeitsplätzen in der Industrie Akkordlohn bezahlt.

Und weil es immer wieder mißverstanden wird, wiederhole ich es nochmal: der Angriff auf den Status quo mit der Klasse durch Ausweitung der Frauenlohnarbeit ist bisher immer von der ideologischen Vertuschung dieser Tatsache durch eine »Heim- und-Herd-Kampagne« begleitet worden.

Die Besonderheit der weiblichen Arbeitskraft

Bisher habe ich die politischen Absichten der Klassenspaltung und die finanziellen Gründe (Lohnersparnis) des Kapitals für die Ausweitung der Frauenlohnarbeit beschrieben.

Es sind dabei aber auch schon weitere Elemente angeklungen, die in der »besonderen Natur der weiblichen Arbeitskraft« liegen. Dies will ich im folgenden genauer ausführen. Auch hier müssen zunächst nochmal soziologische Mystifikationen aus dem Weg geräumt werden:

Strukturwandel?...

Hinter der massiven Ausweitung der Frauenarbeit sehen die Soziologen zunächst mal nichts Besonderes: das produktive Gewerbe hat zwischen 1974 und 1985 1,6 Millionen Beschäftigungsverhältnisse abgebaut, der Dienstleistungssektor ist im gleichen Zeitraum um 1,26 Millionen Arbeitsplätze gewachsen.

Da Frauen mehrheitlich im Dienstleistungssektor arbeiten, befinden sie sich nach dieser Erklärung in der »Wachstumszone des Strukturwandels«.

...Dienstleistungssektor?...

Es gibt eine Tendenz zur Verlagerung ehemals in der Familie unbezahlt geleisteter Reproduktionsarbeit in die Gesellschaft.

Frauen machen industriell organisiert gegen Lohn die gleiche Arbeit wie vorher. Die größte Zunahme haben im letzten Jahrzehnt die Gesundheits-ArbeiterInnen gehabt – und von den Krankenhäusern als Punkten von ArbeiterInnenkonzentration sind in diesem Zeitraum auch die meisten Kämpfe (Signale für eine neue politische Zusammensetzung?) ausgegangen. Hier müssen wir in nächster Zeit auf jeden Fall mit unserer Diskussion, Untersuchung, Intervention weiterkommen. Um Wiederholungen zu vermeiden, verweise ich ansonsten auf die Abschnitte im Arbeitsmarkt-Artikel zum »Dienstleistungssektor«.

... – das besondere Ausbeutungsverhältnis

Davon abgesehen, daß beide Erklärungen den Anstieg von Industriearbeitsplätzen für Frauen nicht berücksichtigten, übersehen sie zwei wesentliche Sachen:
a) das Kapital hat ein gezieltes Interesse gerade an der »weiblichen Arbeitskraft«;
b) die Frauen sind dabei nicht nur Opfer.

Parallel zur Industrialisierung von Reproduktionsarbeit gibt es eine Rückverlagerung bisher bezahlter Reproduktionsarbeiten in die proletarische Familie, das heißt auf den Rücken der Frauen. Die Frauen müssen die Widersprüche des kapitalistischen Systems mit allen Fasern ihres Körpers, ihres spezifischen Arbeitsvermögens ausgleichen. Genau diese »Natur-Ressource« will das Kapital auch in der direkten Produktion verwerten. Das deutlichste Beispiel sind hier die südostasiatischen Frauen, die in ihrer Heimat als Chipsproduzentinnen, in den Metropolen als Krankenschwestern (bezahlte Reproduktionsarbeit) oder als »Ehefrauen« (unbezahlte Reproduktionsarbeit) nachgefragt werden. Die »Humanisierung der Arbeitswelt« will den ganzen Menschen ausbeuten – und deshalb spielt Frauenarbeit eine besondere Rolle.

Die Mobilisierung und Rotation zwischen den verschiedensten Ausbeutungssituationen sowie die gezielte Entwicklung der entsprechenden Technologie führt zu einer Anhäufung von Erfahrungen, die die Frauen zur überall einsetzbaren Arbeitskraft machen.

Damit einher geht eine extreme Vereinheitlichung auf wenige Funktionen: Montage kleiner Teile, Picken und Packen (vom Hochregallager über Kleider bis zu Speiseeis), Kommunikationsfähigkeit, Ordnunghalten, Organisieren, Saubermachen, das sind alles Fähigkeiten, für die Frauen nicht besonders angelernt werden müssen, die sie als »Natur-Ressource« mitbringen.

Dazu kommt eine formale Qualifikationsstruktur, die in den letzten Jahren durch diverse Qualifizierungs- und Lehrstellenkampagnen durchgesetzt worden ist: die Mehrheit der jungen Proletarierinnen verfügt über mittlere Reife, Englisch, Lehre. Die »modernen« Arbeitsplätze in der Industrie erfordern solche Qualifikationen, ohne sie jedoch besonders zu vergüten. Das Kapital1 will Frauen als Frauen ausbeuten. D.h. es will zum einen ihre »besonderen weiblichen Qualifikationen« haben und sie gleichzeitig besonders miesen Arbeitsbedingungen und Löhnen unterwerfen – denn seit wann bezahlt das Kapital die »Natur-Ressourcen«, die es vernutzt?!

Welche Kämpfe?

Natürlich haben wir die These, daß aus dem besonderen Ausbeutungsverhältnis der Proletarierinnen auch besonders radikale Kämpfe entstehen werden. Wenn das Kapital alle Widersprüche auf die weibliche Arbeitskraft abwälzt und einen neuen Zyklus hochzieht, der speziell auf der Ausbeutung von Industriearbeiterinnen beruht, dann müßten diese doch auch für die Kämpfe eine zentrale Rolle einnehmen, für Kämpfe, die von der Ausbeutung in der Fabrik über die Klitschen bis zur Reproduktionsarbeit alles umstürzen. Und gerade Gruppen, die ihr besonderes Augenmerk auf die »diffuse Ausbeutung« und das mobile, jugendliche Proletariat richten, müssen sich die analytische und praktische Fähigkeit aneignen, sich auf diesem Terrain offensiv bewegen zu können. Aber ganz offen gesagt, sind wir da noch nicht sehr weit; wir wissen, daß die Frauen nicht die wehrlosen Opfer der Kapitalverwertung sind, sondern daß die Unternehmer auch ganz schön dran rumzappeln, die jungen Proletarierinnen in ihre Konzepte einzuspannen; wir sehen, daß die Gewerkschaft als Frühwarnsystem der kapitalistischen Verwertung in letzter Zeit sehr aufmerksam für diese Probleme geworden ist; wir haben in diesen zwei Boomjahren selber in den Fabriken gesteckt und haben dabei ein paar tastende Versuche unternommen. Deshalb also anstatt programmatischer oder triumphalistischer Aussagen ein recht nüchterner Schluß:

Gewerkschaftliche Erneuerung...?

Die Gewerkschaften haben ein sehr feines Gespür für die zunehmende Bedeutung von Frauenarbeit und für die radikale politische Neuzusammensetzung, die von autonomen Arbeiterinnenkämpfen ausgehen kann. Sie machen deshalb in letzter Zeit sehr weitgehende Zugeständnisse und Integrationsbemühungen. Die wichtiger werdende Rolle von Frauen innerhalb der Gewerkschaften ist nicht zu übersehen. Der Frauenanteil bei den Mitgliedern ist in den letzten 15 Jahren deutlich gewachsen. Im theoretischen Organ des DGB wird die ganze Diskussion von Frauenbewegung und Grünen über Lohn- und Reproduktionsarbeit aufgenommen, wird die traditionelle, am männlichen Facharbeiter orientierte Tarifpolitik kritisiert.

In kürzlich erschienenen Büchern (z.B. »Träumen verboten«, VSA-Verlag) kann frau nachlesen, daß einige Gewerkschaftsfrauen, bzw. Frauen, die bei der Gewerkschaft Unterstützung suchen, in den typischen miesen Frauenjobs Initiativen ergriffen haben, z.B. in der Organisierung der Heimarbeiterinnen eines Betriebs im Ruhrgebiet, in Kaufhäusern, Klitschen usw.

Es hat in diesem Jahr auch ein paar kleinere Frauenstreiks gegeben: in kleineren holzverarbeitenden Betrieben haben Frauen mehrere Wochen für Tariflöhne gestreikt (Grevenbroich und Ravensburg). Es handelt sich in beiden Fällen um alte Betriebe (Bilderrahmen – bzw. Pinselherstellung) mit alten Zusammensetzungen von Arbeiterinnen.

Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, daß die Initiative zum Kampf ganz klar von im Betrieb arbeitenden Frauen ausgegangen war, daß aber mit Ausrufung des Streiks durch die Gewerkschaft die Führung und Durchführung des Kampfs auf die gewerkschaftlichen Organisatoren übergegangen ist. Eine eher auf männliche Facharbeiter orientierte Gewerkschaft unterstützt begrenzte kleine Frauenstreiks wohl vor allem, um sich eine neue Basis zu schaffen.

Eine Autonomie der Frauen, ein Herausstellen anderer Themen als des niedrigen Lohns war nicht zu sehen – und die Gewerkschaft konnte das widerspruchslos in die Forderung nach Tariflohn übersetzen.

Nach diesem Kriterium waren es keine »neuen« Kämpfe, sondern eher die alte gewerkschaftliche Form, einen Unternehmer, der aus dem Verband ausschert, gefügig zu machen, sprich: einen Haustarifvertrag auszuhandeln.

... oder autonome Ansätze?

In der Elektroindustrie arbeiten die Frauen durchschnittlich ganze fünf Jahre in einer Fabrik. Diese Zahl sagt aber sehr wenig über die tatsächliche Aufenthaltsdauer im Betrieb aus: einige wenige bleiben 10, 15 Jahre lang, sehr viele ein bis drei Jahre. Das heißt aber zum Beispiel auch, daß die einzelnen Kampfzyklen und selbst die kleinen Auseinandersetzungen auf Abteilungsebene voneinander abgetrennt werden.

Die Frauen kommen in die Fabrik und finden wenig vor, auf dem sie aufbauen können. Speziell in den Fabriken der ElektroMultis, die Teile eines internationalen Produktionszyklus sind, findet der Austausch der Arbeitskraft mit derartiger Geschwindigkeit statt, wird eine neue Arbeitsorganisation ausprobiert, werden neue Maschinen eingesetzt, daß wir Schwierigkeiten haben, dem überhaupt zu folgen.

Gerade in den »typischen« Frauenabteilungen stehen der Entwicklung autonomer Kämpfe erstmal massive Hindernisse im Weg. Viele Frauen sehen sich nicht als »Arbeiterin«, sondern als »was Besseres«, das hat oft viel mit der sozialen Stellung ihres Mannes (Meister in der selben Fabrik, Angesteller o.ä.) zu tun, und erklärt sich nicht einfach als »Atomisierung und Mythos aufgrund der defensiven Situation« (die dann auch durch gemeinsame Kämpfe zu knacken wäre). Manche finden auch Möglichkeiten, von dieser Arbeit wegzukommen, können wieder »im Beruf« als Arzthelferin o.ä. arbeiten (was allerdings oft mit Lohnverlust verbunden ist), oder lassen sich ins Büro versetzen, wenn da was frei ist, müssen nicht mehr im Kittel rumlaufen. Individuelle Aufstiegschancen gibt es durchaus mal. Aber fast alle Frauen hegen die Hoffnung, irgendwann ganz aufhören zu können mit der Maloche oder wenigstens ein paar Jahre daheim zu bleiben und Kinder zu erziehen.

Auch wenn das für die allerwenigsten Realität sein wird: mit der Hoffnung, daß frau eines Tages Schluß damit machen kann, läßt sich die Arbeit eher ertragen.

Die Frauen gehen arbeiten, weil sie ein eigenes Einkommen wollen, das sie vom Mann unabhängiger macht. Lieber lassen sie sich auf eine beschissene Arbeit ein, als kein Geld zu haben. Das ist ganz einfach die Erfahrung ihrer Mütter und Großmütter, die dies oft nicht hatten und deshalb Eheterror mitmachen mußten. Die Frauen gehen arbeiten, weil sie nicht zu Hause eingeschlossen sein wollen, weil ihnen dort vor Isolation die Decke auf den Kopf fällt. Sie suchen die sozialen Kontakte zu den Kolleginnen, mit denen sie alle Probleme mit Mann, Kindern, Geld, Krankheit gemeinsam haben und bequatschen können.

Prekarisierung wird also speziell bei der Ausbeutung von Frauen als Hinterherrennen des Kapitals hinter der Subjektivität der Klasse, hier der Frauen, interpretierbar. Nur so ist sie auch gegen die Klasse durchsetzbar, weil sie an dem Interesse der Frauen nach einem eigenen Einkommen gleichermaßen anknüpft, wie an ihrer doppelten Weigerung: weder lebenslange Arbeiterin noch abhängige Hausfrau sein zu wollen.

»Lohn für Hausarbeit« wird vor diesem Hintergrund zur Mittelstandsforderung und politischen Sackgasse, es entspricht nicht der Subjektivität der Frauen, die sich gerade davon losreißen wollen. Die Forderung »Aufstiegs- und Qualifizierungsmöglichkeiten« in der Fabrik geht genauso an den Frauen vorbei und ist Wasser auf die Mühlen des Kapitals. Unsere Initiativen müssen sowohl die Verweigerung der Fabrikarbeit als auch die Ablehnung der Hausarbeit aufgreifen und thematisieren, müssen den Teufelskreis durchbrechen zwischen: »hier bleib ich eh nicht lang, sobald das Haus abbezahlt ist...« und »daheim fällt mir alles auf den Kopf, lieber seh' ich zu, daß ich den Arbeitsplatz behalt«. Wir haben in den zwei Jahren Boom die Erfahrung gemacht, daß kleinere Initiativen durchaus möglich sind: gemeinsam aufs Büro gehen, um mehr Lohn zu fordern, gemeinsam gegen eine Erhöhung der Akkorde ankämpfen. Unsere Flugblätter zu den »heißen« Themen werden mit großem Interesse gelesen und lösen Diskussionen aus. Aber das alles sind bisher nur kleine Lichtblicke.

Unsere Untersuchungen und Interventionen müssen viel präziser als bisher darauf zielen, wie sich die Subjektivität der Frauen in eine neue Klassenzusammensetzung einbringen kann. Es erfordert sehr viel Power, die Verhältnisse wieder auf die Füße zu stellen, die Frauen als handelnde Subjekte, das Kapital als reagierendes Verhältnis praktisch (!) zu begreifen – das setzt aber voraus, daß wir uns selber offensiv einbringen! Daß wir uns nicht in diesen Fabriken einrichten, sondern von ihnen aus die Kämpfe entwickeln, in denen die Erfahrungen der letzten Jahre zusammenkommen: der Initiativen gegen die Sozi-Zwangsarbeit, der vielen kleinen Kämpfe in der Schwarzarbeit, der Konflikte in den Frauenabteilungen.…

Natürlich geht es um die Frage, wie sich aus diesen spezifischen Bedingungen Kämpfe entfalten. Frauenkämpfe haben dann eine besondere Sprengkraft, wenn sie die besondere Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft umdrehen können, wenn sie die Tatsache, daß ihre besondere »gesellschaftliche Kooperationsfähigkeit und Produktivität« verwertet wird, zu Kämpfen umdrehen können, die nicht betrieblich oder gewerkschaftlich eingeschlossen oder integriert werden könne, sondern das ganze Leben thematisieren: die Mehrwertproduktion genauso wie die kapitalistische Reproduktionsarbeit angreifen.

Das wird ihre Stärke sein.

 
 
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