aus: Wildcat 40, November 1986
Im ersten Teil, der den Frankfurter Häuserkampf behandelte, ist deutlich geworden (oder nicht ??!), daß es zu Beginn der 70er Jahre Formen der Massenmilitanz gegeben hat, die ansatzweise versuchten die Grenzen der Szene zu durchbrechen. Gleichwohl blieb sie in ihrer politischen Auseinandersetzung zu diffus und ist in ihren Zusammensetzung zu heterogen gewesen, um gegen die Durchdringung durch ihre reformistische Tendenz gefeit zu sein. Wir haben in diesem zweiten Teil genauer versucht, Bedingungen und Folgen sowie die politischen Mechanismen dieses Prozesses herauszuarbeiten, an dessen Ende nicht nur die Hauptfiguren der frankfurter Spontis zu den Protagonisten der Grünen Partei und heutigen Mitgliedern des hessischen Landtages avancierten. Der besonderen Rolle der Massenmilitanz und des bewaffneten Kampfes haben wir durch eine Diskussion, die diese Frage gesondert behandelt, Rechnung zu tragen versucht. Wir gehen nicht näher auf die Rolle des Internationalismus, die Kämpfe um die Jugendzentren und die der Heimzöglinge(Zingelswiese, Ziegelhüttenweg) und der Gefangenenarbeit/Rote Hilfe ein, da es uns vor allem' darum ging, diese Phase in ihren Kernpunkte", auf den Begriff zu bringen. Eine Präzisierung durch ein genaues Eingehen auf diese einzelnen Punkte wäre möglich und sicher auch lehrreich. In einer solchen Präzisierung verbirgt sich aber auch die Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu finden.
Wir knüpfen in diesem Teil unmittelbar an die Ereignisse an, die den ersten beendet haben.
D: Unmittelbar nach der Räumung des Blocks organisierte der Häuserrat ein Matratzen und Zeltlager auf der Hauptwache, mit dem die Obdachlosigkeit der ehemaligen Besetzer dokumentiert werden sollte.
S: Das war im Gegensatz zu vorher ein ziemlich eindeutig moralisches und v.a. defensives Vorgehen, so ähnlich wie ein öffentlicher Hungerstreik. Ob die Absicht in diese Richtung ging oder nicht: es zeigte, daß die Luft erstmal raus war.
V: Viele waren echt froh, daß das Ganze vorbei war. Die monatelangen Vorbereitungen, die dauernden Fehlalarme haben ganz schîn an , den Nerven gezerrt. Die Bereitschaft und die Fähigkeit, die nächsten Schritte genau zu bestimmen, war da nicht unbedingt gegeben.
T: In der Szene machte sich eine ziemlich ausgeprägte Resignation und Ratlosigkeit breit. Die FVV-Kämpfe zeigten eigentlich nur noch daß die "äußere" Szene die Leute in der Stadt, Schüler, Jugendliche sich noch auf der Woge der vorangegangenen Kämpfe bewegten.
G: Für nicht wenige Genossinnen waren im Häuserkampf und den FVV-Kämpfen die Grenzen der Massenmilitanz deutlich geworden. Sie thematisierten schwerpunktmäßig die Effektivierung der Militanz und klandestine Organisierung. Aber darauf kommen wir noch zu sprechen.
D: Damit wir nicht kreuz und quer diskutieren, sollten wir die Szene bzw. den RK (Revolutionärer Kampf) als den traditionell studentisch dominierten Teil und die Jugendzentrums-, Schüler- und Lehrlingsszene als zwei verschiedene Stränge sehen. Die einen als Organisator des Häuserkampfs wie auch der Betriebsarbeit – und die anderen als großteils quer dazu, oft aber auch abhängig davon verlaufende Szene. Denn die RK-Strukturen waren doch stark geprägt von den 68er Erfahrungen – und die 68er-Bewegung war stark beherrscht von der Illusion, daß der Staat als primäre Zielscheibe ohne besondere oder sagen wir längerfristige Anstrengungen zu reformieren oder zu revolutionieren sei. Daß sich zumindest letzteres als Trugschluß erwiesen hat, gab ja schon vielen Leuten einen Dämpfer, ganz abgesehen davon, daß ich mal als Voraussetzung festhalten möchte, daß der studentische Teil der 68er Bewegung ein reformistischer war, durchdrungen von der Ablehnung der verkrusteten Traditionen, Ordinarienuni, der ganzen bürgerlichen Lebensweise, Familie....
A: Die Szene in den Jugendzentren, das waren jüngere Leute, die u.a. durch den Häuserkampf politisiert worden waren, proletarische Jugendliche, Schüler und Studenten, die zunächst nur mittelbar von dem Sog der Resignation erfaßt waren. Die konnten aber auch keine durchschlagenden Anstöße liefern für die weitergehende Diskussion. Die waren militant drauf und sind wenig nach außen gegangen, wenn man von einigen Zeitungsnummern absieht, die später so etwa '77 in der Pro- und Anti-Militanz-Debatte Stellung bezogen ("Rhein-Main-Terror-Blättche", "Mob"), in der sie gefangen blieben. Sonst haben sie sich wesentlich mit der Selbstorganisation ihrer Existenz (Arbeiterselbsthilfe) beschäftigt. Auf der anderen Seite war auch das kulturelle Leben in den Zentren wichtig.
S: Das größte Problem war das Riesenloch danach. Es sind ja eine Unmenge von Leuten über den Häuserkampf politisiert worden und nach dem »Block« gab's den nicht mehr, mit Vietnam war auch nix mehr, und es gab nichts, womit das ausgefüllt worden wäre. Es kam von der SHI nichts mehr, von den Wortführern, dem RK, auch nicht. Da sind einfach die alten "Machtstrukturen" politisch umgeschlagen, und die Leute wußten nicht mehr, was sie machen sollten. Wenn du Leute teilweise von den politischen Entscheidungsstrukturen fernhältst, dann brauchst du dich hinterher nicht zu wundern, daß wenn du nichts mehr vorgibst, auch nichts mehr nachkommt.
C: Noch mehr war ein Problem, daß der RK seine faktische Auflösung nicht bekannt- oder zugegeben hat. Die Struktur als politische Organisation war in der Auflösung begriffen, aber die GenossInnen bezogen sich weiter drauf und arbeiteten sich dran ab, daß nichts mehr an Initiative kam.
Die Diskussion innerhalb des RK war diesbezüglich sehr heterogen, nichtsdestotrotz dominierten die zentralen Figuren die weitere Entwicklung.
M: Wie war der RK als Organisation, der ja immerhin etwa hundertfünfzig Leute angehörten, denn strukturiert?
A: Das läßt sich so genau nicht sagen. In der Zeit, als ich dazu gekommen bin, etwa 71/72, gab es, was die Arbeit bei Opel angeht, Zellkerne, d.h. Innenkader mit einer Gruppe von Außenkadern drumrum, wobei problematisch war, daß letztere überhaupt keine Fabrikerfahrung hatten. Jeden Sonntag fand ein Plenum statt, darüber hinaus gab es verschiedene Untergruppen: Türken-, Frauen- und Neuengruppe. Den organisatorischen Rahmen kann ich nicht präziser bestimmen. Die Struktur war nicht transparent und auch nicht homogen; was gemacht und diskutiert wurde, das bestimmte sich weitgehend informell über persönliche Beziehungen.
Nach dem Ende des Häuserkampfs fanden die Plena nur noch sporadisch statt.
C: In der "Klitschengruppe", die es zwischen Frühjahr und Ende 74 gab, die eigentlich die Diskussion und Praxis von einzeln in Frankfurter Betrieben Malochenden zusammenführen wollte, hatten sich bald bis zu 80 Leute versammelt, weil es sonst nichts mehr gab. Auch daran scheiterte sie letztlich.
Zu den Diskussionen nach dem Häuserkampf einige Zitate aus der "WWA":
"Heute stellt sich das Problem der "Ausweitung" unseres Kampfes zwingend: Die Verteidigung der nächsten besetzten Häuser, die zur Räumung anstehen, hat für sich keine Perspektive mehr. Wenn es uns nicht gelingt, eine politische Beziehung zu anderen Kampfansätzen in dieser Stadt zu gewinnen..., dann werden wir wirklich isoliert sein."
"... es fehlte ... die kontinuierliche Massenarbeit, die dem Kampf .. .eine breite Basis in den Stadtteilen verschafft"
" ... wir können unsere Arbeit nicht länger nur durch unsere eigenen Bewegungsgesetze definieren, wir haben gemerkt, daß die Klassenauseinandersetzung Aufgaben auf die Tagesordnung setzt, denen sich die, die sich Revolutionäre nennen, stellen müssen ..."(Wir Wollen Alles, Nr.13/14, Febr./März 74 – Die "WWA" war eine Überregionale Zeitung, die von verschiedenen Gruppen, die Betriebsarbeit machten, RK, Ffm Proletarische Front, HH, HB – Arbeiterkampf, Köln – Arbeitersache, München und ähnlichen getragen wurde und bis Anfang 1975 erschien)
A: Diese Einschätzung FVV-Kämpfe noch einmal am Scheitern der Rote-Punkt-Aktionen und an der Unfähigkeit bzw. der Unmöglichkeit, in die Betriebe hineinzumobilisieren. Das Mißlingen lag teilweise gewiß daran, daß wir das politisch vorher nicht genau genug bestimmt haben und die ganze Kampagne allzusehr auf die Szene ausgelegt war. In der Wankelmütigkeit, mit der da Forderungen aufgestellt und von Teilen wieder zurückgenommen wurde, als es brodelte, zeigte sich auch die Widersprüchlichkeit der politischen Linie: Auf der einen Seite kämpften wir für den Nulltarif, auf der anderen verlangte die SHI plötzlich nur noch die (Bereitschaft der Stadt zur, d.V.) Rücknahme der Erhöhungen – und verspricht, nebenbei bemerkt, im Gegenzug das Ende der Krawalle!
T: Einige GenossInnen zogen aus dieser Kritik die Konsequenz, in Frankfurter Betriebe zu gehen, VDO, T & N, Hartmann & Braun, TA usw. Im Zusammenhang damit entstanden in den entsprechenden Stadtteilen multinationale Zentren (Heddernheim, Gallus, Bockenheim), "proletarische Stützpunkte", wie sie die VDO-Gruppe nannte, die Raum für Diskussionen und die Entwicklung von Strukturen geben sollten, die in den Betrieben nicht möglich waren. In mancherlei Hinsicht überdeckten sie jedoch nur die inhaltlichen Mängel der Betriebsarbeit, die Zähigkeit der Intervention. Das ist ja auch heute noch ein verbreitetes Phänomen, daß die Einrichtung eines Zentrums gleichgesetzt wird mit politischer Praxis – ohne jegliche Bestimmung, die darüberhinausgeht, einen Ort zu haben, an dem man sich treffen kann.
M: Das wesentliche Manko dieser Versuche lag darin, daß sie mehr oder minder individuell unternommen wurden. Das war kein kollektives Projekt des RK mehr und auch nicht tatsächlich Gegenstand der Diskussion. Dementsprechend hat sich das auch totgelaufen. Nach und nach hatten alle die Schnauze voll.
S: Außer dieser Individualisierung erscheint mir im nachhinein aber noch etwas anderes wichtig: die Betriebsarbeit – auch schon beim Opel – ist eigentlich nie von dem ausgegangen, was ich als Arbeiterstandpunkt bezeichnen würde.
C: Die meisten, die malochen gingen, waren Studenten, viele haben vielleicht zwei Monate geschafft – es gab auch einzelne, die jahrelang irgendwo drin waren, das muß ich dazusagen. Die Studentenbewegung war gescheitert, und es wurde deshalb als notwendig angesehen, die Proletarier zu agitieren. Die akademische Karriere blieb dabei aber immer in der Hinterhand, und man ging da ganz klar mit einem Avantgardeanspruch rein. In den Zentren trafen sich nicht die Malocher aus den Fabriken, sondern hauptsächlich die Vertreter der verschiedenen ausländischen Organisationen.
A: Nachdem das alles mehr oder weniger frustrierend ablief, begann dann vollends der Rückzug. Viele besannen sich auf ihr Studium, machten schnell Examen. Das wurde sogar noch politisch begründet unter dem Motto: "Raus aus der Uni – rein in Schule und Sozialarbeit". Die revolutionäre Berufsperspektive beinhaltete die "politische" Erziehung der Jugendlichen...
W: Was aber viel wichtiger daran war, war die Art und Weise, wie sich die Kritik an der bis dahin betriebenen Politik bzw. des sie tragenden Selbstverständnisses entwickelt hat. Kritik war, daß Mann oder Frau sich schon durch seine Existenz als Linker als revolutionäres Subjekt und Aufgabe darin gesehen hat, die anderen, das Objekt, in dem Fall die Arbeiter, zu agitieren und organisieren – und sich selbst als Person dabei rausgelassen hat. Das zu kritisieren ist ja erstmal nichts Falsches; eine andere Frage ist, welche Konsequenzen sich aus dieser Kritik entwickeln. Die Konsequenz hier hieß, das ganze Verhältnis umzudrehen in die sogenannte Politik der ersten Person, die die eigenen Bedürfnisse ... zu Ausgangspunkt und Grundlage allen Handelns erklärt.
C: Demonstrieren heißt, zeigen was wir wollen: neue Innerlichkeit, Zärtlichkeit, unsere Lebensformen, die Einheit von Leben und Arbeiten in den Alternativprojekten auf der einen und Massenmilitanz auf der anderen Seite. Wobei man sagen muß, daß die Massenmilitanz sich gerade bei den Sprechern nur noch auf der verbalen Ebene abspielte – und sehr bald gänzlich auch aus dem Vokabular verschwunden war. A: Auf dieser Woge der neuen Innerlichkeit, der individuellen Nabelschau sind tatsächlich auch hunderte durch irgendwelche Therapien und Therapiegruppen marschiert, Frauen- und Männergruppen sind aus dem Boden geschossen...
S: Nach zehn Jahren kann man sagen, daß die Kritik an bestimmten Lebensformen und -normen immer integrierbar ist und verquere Formen annimmt, solange sie sich nicht verbindet mit dem Kampf gegen die Verhältnisse, die sie produzieren.
V: Der Schub in die Alternativbewegung war fürs Kapital total produktiv, hat die ganzen rebellischen Elemente aus den Fabriken und von der Straße weggeholt und mit dem Aufbau des eigenen Ghettos beschäftigt. Hat der Ablehnung der Arbeit die Illusion von der sinnvollen Arbeit im Kapitalismus entgegengesetzt und der Ausbeutung durchs Kapital die Selbstausbeutung hinzugefügt.
A: Wobei zunächst aber bei weitem nicht alle, die auf diesen Zug aufgesprungen sind, sich auf dem Rückzug befanden. Viele haben die Eigendynamik des Alternativwirtschaftens und -denkens nicht Überblickt …
C: Viel wichtiger war, daß diese neue Subjektivität derart diffus definiert war, daß sie genau den Acker bestellte, auf dem die Reform des Bestehenden, was sich dann später als grüne Partei institutionalisierte, erst so richtig gedeihen konnte. Innerhalb der Spontis gab es eine Fraktion, mit einem sehr ausgeprägten politischen Gespür ausgerüstet, schon viel früher als das offiziell sichtbar wurde, dem Gedanken nachging, aus der militanten Bewegung eine neue reformistische Kraft zu etablieren. Zwischen Teilen der SPD, dem SB, Dutschke u.a. gab es schon 74/75 die Diskussion um die Gründung einer neuen, links von der SPD stehenden Partei. Dazu ein Zitat aus einem Beitrag zur Organisationsdebatte ("Phantasie statt Selbstrepression" von Thomas Schmid, Mitglied des ehemaligen RK, in: Arndthefte Nr.1, erschienen im Mai 1976):
"Einiges spricht dafür, daß die Gründung einer Partei links von der SPD in der Luft liegt. Die regierende SPD (eine spezifisch deutsche und daher zahnlose Variante des Reformismus) hat sich im Laufe der Zeit ihre eigene gesellschaftliche Basis verspielt: zwar ist der Reformismus als Ordnungsfaktor (…) gedacht, er ist aber lebensfähig nur, wenn er in engem teils repressivem, teils aufnehmenden Austausch mit den Interessen der Unterdrückten steht. Diese zweite Komponente des Reformismus hat die SPD (…) vollständig aufgegeben: sie wirkt nur noch als Ordnungskraft. (…) Nun sitzen natürlich am linken Rand (im weitesten Sinne) des Reformismus Leute, die die Gefahr dieser Entwicklung begriffen haben: (…) daß die einzige Chance (…) des Reformismus (…) darin" liegt, "daß man sich wieder auf die Dynamik von zukünftigem Widerstand einläßt."
S: Cohn-Bendit und andere standen schon immer in Diskussion mit der linken SPD, den Jusos, Karsten Voigt usw. Daraus haben sie gewiß gelernt, wie man mit den verschiedenen Teilen der Bewegung jonglieren kann, "die partielle Illegalität als Motor für die reformistische Lösung der jetzigen Form der Ungerechtigkeit" einzuspannen und zu funktionalisieren (Karsten Voigt, zit. nach "WWA" Nr.17, 6/74).
G: Den Schuh können wir uns zuallererst selber anziehen. Provokativ gesagt war der Häuserkampf nur ein Kampf der Szene, die zwar riesengroß war und damit leicht zur "Bewegung" wurde, für ihre Freiräume. All die Versuche, sich mit den mietstreikenden Emigranten usw. zu verbinden, basierten wesentlich auf der Empörung über das exzessive und brutale Spekulantenpack und die absoluten Wuchermieten. Und die "10 Prozent des Lohns für Miete"-Forderung war auch nur plakativ. Wir haben uns nie ernsthaft gefragt, wie wir uns qualitativ ausweiten, inwieweit Miet- und Häuserkampf eine revolutionäre Perspektive haben und wie es eigentlich weitergegangen wäre, wenn wir die Häuser behalten hätten.
A: Mit der Forderung nach Ersatzwohnraum haben wir eine unserer Zielsetzungen, das Westend nicht dem Finanzkapital freizugeben, zurückgenommen und nur noch Zugeständnisse verlangt. Was ja bereits Ausdruck der reformistischen Vermittlung und Tendenzen war. Obwohl uns die Differenzen und Spaltungslinien innerhalb der Bewegung wie des RK bewußt waren, haben wir nie an der Präzisierung unserer politischen Linie gearbeitet, die eine inhaltliche Homogenisierung hätte bringen können. Stattdessen haben wir die Arbeitsteilung akzeptiert: hier die Kämpfer, die "Tutti Militanti", dort die politischen Vermittler.
C: Deshalb ist es auch falsch, alles auf ein "Marionettentheater" der Cohn-Clique zu reduzieren. Denn 1. war diese Bewegung nie homogen und 2. haben gerade die Kriminalisierungsversuche wie die "Winterreise" z.B., wo auch eine ganze Reihe von Leuten eingefahren ist, in dieser Phase von Resignation und Ratlosigkeit, Bedrohung symbolisiert, auch wenn das nicht so offen ausgesprochen wurde. Damit wurde die Tendenz, sich mit dem Inneren der Szene, mit sich selbst zu beschäftigen nur noch verstärkt.
W: Die Kriminalisierung setzte genau in der Phase der Desorientierung ein, wo eine Klärung der Perspektiven angestanden hätte. Bis in den Sommer 76 gab es dauernd Verhaftungen und Durchsuchungen, und die politischen Aktivitäten richteten sich mehr und mehr allein gegen die Repression, "vereinigten" Sponti- und reformistische Linke. Ich will damit sagen, daß Kriminalisierung immer auch ein Mittel ist, die Linke zu zwingen, sich auf die Demokratie, den Staat zu beziehen, reformistische Bündnispartner und Vermittlung zu suchen.
G: Die Militanten zogen sich aus dieser Debatte und überhaupt aus der politischen Auseinandersetzung zurück, räumten das Feld. Erst dadurch wurde der "politikfreie Raum" geschaffen, in dem diese Strömung die Oberhand gewinnen konnte.
D: Der"radikaldemokratische" Abwehrkampf, die Fixierung auf das staatliche Kriminalisierungsinstrumentarium eliminiert jegliche autonomen Inhalte. Die Strecker-Kampagne steht dafür exemplarisch. Der eigentliche Auslöser, der Tod von Ulrike Meinhof, geriet vollständig in den Hintergrund. Ohnehin ist der Grund für die im Verhältnis zu der Demo nach dem Tod von Holger Meins stärkere Mobilisierung in Frankfurt in der besonderen Anerkennung der Person von Ulrike Meinhof als integere Intellektuelle zu suchen.
V: Die Mehrheit der Szene konditionierte sich mit der Entlastungskampagne auf einen Legalismus, der bloß noch die "Exzesse" des Rechtsstaats kritisiert, seine Berechtigung aber nicht mehr in Frage stellt. Es ging nicht mehr darum, daß da Leute verhaftet werden und einer einfährt, sondern mit der ganzen Unschuldskampagne, in der sich Hunderte zu Bullen degradierten, kam es nur noch darauf an, daß dieser eine es eben nicht gewesen ist. Darin schwingt unausgesprochen mit, daß es auch Schuldige gibt... Daß mit den Personen, die festgenommen worden waren, ein ganz bestimmtes Spektrum beeinflußt werden sollte, daß gerade Strecker im Knast saß, weil er nichts mit den militanten Auseinandersetzungen zu tun hatte, wurde da nicht mehr diskutiert. Diese Geschichte hat sich absolut demoralisierend und bahnbrechend für die Integrationsbestrebungen bestimmter Kreise der Spontis ausgewirkt.
G: Der Legalismus drückte sich später auch in den Diskussionen um den Mescalero-Artikel aus. Er wurde in weiten Teilen der Spontis ausschließlich unter dem Aspekt der Meinungs- und Pressefreiheit, die es zu verteidigen gilt, diskutiert. Schließlich betonte er nicht nur die klammheimliche Freude, sondern formulierte auch Kritik … Politisch genauso daneben war allerdings auch die Einschätzung, daß sein Verbot sich gegen die Politik der RAF richtete. Er wurde verboten, gerade weil er sich kritisch mit ihr auseinandersetzte. Denn auch der Staat hat das Interesse, die Polarisierung in Pro- und Anti-Guerilla zu fixieren und versucht deshalb, jeden Ansatz von Debatte, der diese Fronten auflösen könnte, zu unterbinden. Polarisierung heißt auch Stagnation und nicht Weiterentwicklung.
W: Vor dem Problem, dem Umgang mit staatlichen Verfolgungsmaßnahmen, Zensur und der ganzen Scheiße stehen wir nach wie vor. Daß diese Sachen immer wieder greifen, Diskussion und Praxis einengen und blockieren, immer wieder in das einfache Schema "Repression gegen uns" gepreßt werden, ist sehr widersprüchlich. Einerseits ist es eine objektive Tatsache, daß jeder potentielle Unruheherd bekämpft wird, andererseits hat die Linke bis heute nicht gelernt, auch nur die banalste Selbstschutzregel einzuhalten, bleibt sie gefangen in der Abwehr staatlicher Repression. In der Praxis schlägt sich die subjektive Betroffenheit jedesmal wieder als politische Blockierung nieder.
| 1974 | |
|---|---|
| 26.5. | Der Frankfurter Verkehrsverbund (FVV) wird eröffnet, d.h. Fahrpreiserhöhungen von 60 auf 80 Pfg., während des Berufsverkehrs auf 1,-DM, Monatskarten verteuern sich durch die Abschaffung von Streckenkarten z.T. bis auf das Doppelte. Straßenkämpfe und Demos auf der Zeil und in der gesamten Innenstadt von Montag bis Samstag, an denen stets mehrere 1000 Leute Teilnehmen, vor allem viele Schüler und junge Arbeiter. Der Schüler Thomas Hytrek wird von einem Wasserwerfer angefahren und lebensgefährlich verletzt. Die Parole heißt »Nulltarif – und »Fahrzeit = Arbeitszeit«, also Bezahlung der Fahrzeit. Fahrpreiskämpfe fanden in diesem Zeitraum in vielen Städten unter ähnlichen Parolen statt. Mit Rote-Punkt-Aktionen (Du pappst einen Roten Punkt an dein Auto und zeigst damit, daß du Leute mitnimmst, dann fährst du gezielt Ha1testellen an) wurde versucht. Einen Boykott der Öffentlichen Verkehrsmittel zu praktizieren, was in Hannover z.B. recht erfolgreich war, in Ffm aber kaum aufgenommen wurde. Was u.a. daran lag, daß sie erst nach der Demo-Woche angeleiert wurden. RK, SHI (Sozialistische Hochschulinitiative Asta), Häuserrat und die Stadtteilgruppen stiegen erst. Sehr spät in die Mobilisierung ein, offensichtlich weil man sich nicht viel von einer Kampagne versprach, Dafür gab es eine Menge Schülergruppen, die schon vorher agitierten und an den Schulen zu den Demos aufriefen. Die Klitschengruppe, eine von Lehrlingen und individuell in Frankfurtrer Betrieben Malochenden konstituierte Gruppe, gerade einen Monat jung, arbeitete unabhängig vom RK als Gesamtorganisation an der Vorbereitung der Demos und' gründete ein Schwarzfahrerkomitee. Es gab an die 30 Verhaftungen, was als relativ viel angesehen wurde. Neben den Spontis mischten auch DKP- und u.a.. KBW Fahrpreiskomitees mit, die jedoch lediglich die Rücknahme der Erhöhungen verlangten. Aber: Der Asta (SHI) macht Mitte der Woche, nach den Verhaftungen, ein Verhandlungsangebot, in dem er neben der Ablösung des Polizeipräsidenten und einer Generalamnestie, die Bereitschaft(!) der Stadt, die Erhöhungen zurückzunehmen, als akzeptable Zugeständnisse formuliert. |
| Sept | Dritter Hungerstreik der Gefangenen aus der RAF |
| 11.9. | Nationale Chile-Demo mit 30.000 Teilnehmern. Der von der Putzgruppe vorbereitete Angriff auf das US-Generalkonsulat wird mangels Konsens abgeblasen. |
| 8.10. | Anschlag auf das Shell Hochhaus durch eine »Gruppe Enriquez« (Miguel Enriquez,Gründer und Generalsekretär des MIR, war ermordet worden) |
| 17.10. | Das spätere Jugendzentrum Bockenheim wird besetzt. Beim Versuch, das Haus zu räumen, kommt es zu einer heftigen Straßenschlacht, 240 Leute werden festgenommen. Das Haus bleibt besetzt. |
| 9.11. | Holger Meins stirbt in der JVA Wittlich. |
| 10.11. | Günter v. Drenkmann wird von der Bewegung 2. Juni erschossen. Innerhalb der Spontis führt die Antwort des 2.6. auf die Ermordung von Holger Meins zu heftigen Kontroversen. Der Tenor lautet »Solidarität mit den Opfern – ja, bewaffneter Kampf – nein!« Die redende Mehrheit Des RK distanziert sich von der Erschießung Drenkmanns, da durch sie die politischen Möglichkeiten, den Staat in Legitimationszwang zu setzen, unterlaufen wurde, sie isoliere die Linke und sei schlecht fUr eine Mobilisierung gegen Iso-Haft. Das einzige was läuft, ist eine Demo mit 500 Leuten zum OLG nach einer Versammlung im Studentenhaus und nächtliche Aktionen kleiner Gruppen. Auch innerhalb der Putzgruppe, den organisierten Militanten, taucht nun die Gegenüberstellung. Massenmilitanz contra Guerilla auf. Das geht zum ersten Mal soweit, daß die Diskussion beinahe denunziatorischen Charakter gegenüber denjenigen bekommt, die die Aktion nicht verurteilen wollen. |
| 26.11 | »Winterreise« – Hausdurchsuchungen in neun Städten der BRD, in Frankfurt aufgrund von Denunziationen eines von der Szene frustrierten Typen, Rolf Mauer. Zehn Leute werden verhaftet, darunter etliche Leute mit »Rang und Namen« in der Szene. Einige davon bleiben mehrere Monate im Knast (u.a. Brigitte Heinrich, die nach einer vorübergehenden Freilassung wieder einwandert). |
| 1975 | |
| 28.2. | Die Bewegung 2.Juni entführt den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz. Fünf Gefangene werden im Austausch freigelassen. 24.4. Ein Kommando der RAF besetzt die deutsche Botschaft in Stockholm, nimmt Geiseln und fordert die Freilassung von elf Gefangenen. Der deutsche Militärattaché wird erschossen. Die Botschaft wird gestürmt, dabei kommt ein Mitglied des Kommandos um, ein weiteres, Siegfried Hausner stirbt, nachdem er schwerverletzt nach Stammheim transportiert wird, obwohl angesichts seiner schweren Verletzungen klar war, daß er den Transport – die »Behandlung« durch die deutschen Bullen – nicht überleben wird. |
| Mai: | Demo(s) gegen abermalige Fahrpreiserhöhungen des FVV, die aber bei weitem nicht dieAusmaße des Vorjahres annehmen. |
| Juli: | Besetzung der Paulskirche -wegen der Todesurteile gegen Puig-Antich und vier andere in Spanien Sept. Anti-Franco-Demo in Nied, auf der Cohn-Bendit hinsichtlich einer sich abzeichnenden Konfrontation wegen der Demo-Route seine abwieglerischen Fähigkeiten beweist. Anläßlich der Vollstreckung der Todesurteile Versuch eines massenmilitanten Angriffs auf das Spanische Konsulat. Dieser Aktion kommt v.a. deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil sie von einem Kreis aus der »Politiker«-Fraktion des RK initiiert wurde, der sich vorher und nachher dadurch auszeichnete, daß er nie an militanten Aktionen beteiligt war. Auf Initiative jenes Kreises hin trafen sich über persönliche Szene-Beziehungen 100-150 Leute, die über Ziel und Ablauf der Aktion nicht informiert waren, eine oder zwei Stunden vor der Aktion. Vor dem Konsulat standen zwei Mannschaftswagen der Bullen, die aber von dem Aufmarsch völlig überrascht waren (die Störung des Bullenfunks war in der Planung inbegriffen). Die vorderen und die hinteren Reihen der Angreifenden waren mit Mollies ausgerüstet, die mittleren mit Steinen. Die ganze Geschichte lief total schief. Noch in großer Entfernung, bevor vorne ein einziger Mollie geflogen war, kamen von hinten die Steine, immer haarscharf an den eigenen Leuten vorbei. Danach flogen die Mollies notgedrungen hauptsächlich auf die Bullen, einer wäre beinahe verbrannt, das eigentliche Ziel, das Konsulat des Franco-Staats, blieb in der ganzen Konfusion und Panik weitgehend verschont. Trotz der Störung des Funks tauchten etliche Streifenwagen auf. Einige Leute wurden unmittelbar danach festgenommen, was jedoch keinerlei juristische Folgen hatte. |
| 17.11. | Multinationale Kindergelddemo |
| 21.11. | Räumung Kettenhofweg 34 mit garantierten Ersatzwohnungen |
| Ab Okt. bis Dez.: | Die Revolutionären Zellen setzen eine Anzahl Fahrkartenautomaten des FVV In Brand |
| 8.12. | Fünf Mitglieder des »Gefangenenrats« werden verhaftet. Der »Gefangenenrat« war eine Gruppe, die sich um die Organisierung von Gefangenen bemühte. Er hat Folter, Morde und Haftbedingungen angeprangert und öffentlich gemacht, z.B. den »Mannheimer Gefängnisskandal«. Das Problem an der Gruppe war, daß Leute darin waren, die mit den Bullen kooperierten bzw. im Knast rumgedreht wurden. Deshalb nochmals Verhaftungen im Juni 76 wegen eines Gefangenen, der den Butzbacher Gefängnisleiter mit einem selbstgebastelten Schußapparat umgelegt hatte. |
| 21.12. | Überfall auf die -OPEC-Konferenz in Wien, bei dem auch als RZ-Mitglied Hans-Joachim Klein, ein Kind der Frankfurter Sponti-Szene, beteiligt ist. |
| 1976 | |
| Die Linke in der BRD sieht sich zunehmend mit diversen staatlichen Repressionsmaßnahmen konfrontiert und läßt sich mehr und mehr darauf festlegen und blockieren: Berufsverbot (das bereits seit 1972 existiert und einige Leute daranhindert, der ins Auge gefassten Berufung nachzugehen), §130 a (Befürwortung von Gewalttaten), §88a tritt im Mai des Jahres in Kraft. Es finden jede Menge Durchsuchungen v.a. in Buchläden und Druckereien statt, Verfahren gegen Zeitungen, in Hamburg wird der § 129 gegen Hausbesetzer eingesetzt, Gewerkschaftsausschlüsse, politische Kündigungen – das alles bestimmt das politische Klima und die Diskussion. | |
| Mai – Juli: | Streik bei Volvo in Dietzenbach, in dem einheitlich 175,- DM mehr für alle durchgesetzt Wird |
| 9.5. | Ulrike Meinhof wird in Stammheim ermordet. 200-300 Leute machen am gleichen Tag eine Demo zu den Streikposten (Druckerstreik) am Rundschauhaus und blockieren die Straße für eine Viertelstunde. Auf einer Versammlung von ca. 1500 Leuten am Abend wird eine Demo für den Nächsten Tag beschlossen. |
| 10.5. | Während dieser Demo, an der 2-3000 Leute und mehrere hundert Mollies beteiligt sind, fliegt ein Mollie in einen Bullenwagen: dabei zieht sich ein Bulle schwere Verbrennungen zu. 13 Leute werden festgenommen, am darauffolgenden Tag aber wieder freigelassen. 50 000 DM Belohnung werden ausgesetzt. |
| 14.5. | Hausdurchsuchungen in 15 Wohnungen, 14 Leute werden festgenommen, darunter auch Joschka Fischer. Am Abend zeigen das Regionalfernsehen und das ZDF Photos von sieben der Festgenommenen. Bis auf einen, Gerard Strecker, sind nach zwei Tagen alle wieder draußen. Gegen Strecker wird Haftbefehl wegen Mordversuchs erlassen. |
| 15.5. | Eine Gruppe von 100 Frauen geht in die Abendvorstellung des TAT (Theater am Turm), um »die Wahrheit über die Festnahmen zu verbreiten«. |
| 16.5. | Eine Versammlung im Studentenhaus beschließt eine »Fahndungskampage«, um die »Unschuld« von Gerard Strecker zu beweisen. Der war zu der Zeit, als der Mollie flog, mit Freunden noch unterwegs zur Demo, also nicht am Ort des Geschehens. ER WAR UNSCHULDIG! – und das war die Grundlage der darauffolgenden Mobilisierung! In den folgenden Tagen läuft in Ffm eine beispiellose Unschuldskampagne: mit 150.000 Zeitungen, Flugblättern und Plakaten, auf denen Gerard und seine drei Begleiter abgebildet und beschrieben werden, wird nach Zeugen gefahndet. Es wird ein Song getextet, der auf allen Veranstaltungen und Versammlungen gesungen wird und auch als Platte rauskommt. Textauszug: »Gerard, Gerard, wir geben nicht auf, bis du wieder unter uns bist. Gerard, Gerard, wir werden es beweisen, daß du nicht lügst...«. Im Verlauf der Woche finden in Kneipen und Wohnungen weitere Durchsuchungen statt. Leute, die die »Fahndungsplakate« kleben, werden festgenommen. |
| 20.5. | 33 Leute beginnen auf der Bertramswiese vor dem Hess. Rundfunk einen Hungerstreik mit der Forderung nach Sendung des Entlastungsaufrufs. |
| 22.5. | Demo mit 6000 Leuten, an der Spitze einige Hungerstreikende und ein LKW, auf dem das Auto, mit dem Strekker unterwegs war, transportiert wird. Später wird die Demo wegen ihrer »phantasievollen Formen« gelobt. |
| 23.5. | Weitere 45 Leute schließen sich dem Hungerstreik an, 15 brechen ihn (aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen) ab. |
| 25.5. | Nach dem Haftprüfungstermin wird Gerard Strecker freigelassen, ohne daß ein Entlastungszeuge gehört wird: der Verdacht sei nur noch »hinreichend«. Die Presse bringt ein Phantombild des Molliewerfers, das keinerlei Ähnlichkeit mit Strecker aufweist. Abends dann ein »irrsinniges Fest« auf dem Campus; Abbruch des Hungerstreiks. |
| 1.6. | Sprengstoffanschlag der RZ auf das Hauptquartier des 5. US-Corps in Ffm, 16 Verletzte. |
| Pfingsten (Juni): | Anti-Repressionskongreß des Sozialistischen Büros, an dem ein Spektrum von Spontis, Falken, Jusos, Trotzkis und KB teilnimmt. Demo von 20.000, auf der Joschka Fischer die Guerilla auffordert, die Knarren wegzuschmeißen. Es war die erste größere Uberregionale Diskussion, an der sich die gesamte Breite der »Anti-Guerilla »-Linken beteiligte. In den Beiträgen der Spontis werden die Linien der Kehrtwendung erstmals deutlich, wenn sie auch noch widersprüchlich erscheinen: Daniel Cohn-Bendit: »Wir wollen und werden nicht warten bis zum St. Nimmerleinstag, bis die objektiven Verhältnisse es erlauben, die Macht der Bourgeoisie durch das immer wieder zitierte Proletariat zu brechen. (…) Das Verabscheuen von Gewalt – und ich meine, jeder Revolutionär ist erst mal ein Pazifist, weil er keine Gewaltverhältnisse will – das Suchen nach anderen Formen des politischen Handeins ist das andere. (…) Wir beherrschen die Dialektik nicht, wir haben aber in dieser Kampagne für Gerard gemerkt, daß (…) wir viele Kräfte und ein großes Potential haben; diese Fragen, diese Entwicklungsmöglichkeiten (…) anzugehen ohne abzuheben auf die totale Objektivität – das kann bedeuten, die Lösung unseres ganzen Seins vorwärtszutreiben.« Joschka Fischer, als Sprecher des militanten Flügels jahrelang Gegenpart von Cohn-Bendit, stellte noch einmal Massenmilitanz und Guerilla gegeneinander; wobei aber gleichzeitig deutlich wird, daß er sich von der Ebene der Massenmilitanz verabschiedet: »Andererseits soll hier aber auch nicht verschwiegen werden, daß wir mit dieser Demonstration am Montag anläßlich des Todes von Ulrike an die Grenze unserer militanten Aktionsformen gestoßen sind und drauf und dran waren, denselben Fehler wie die Stadtguerilla zu begehen, nämlich unsere militärische Stärke nicht mehr im Zusammenhang mit unserer politischen Isolierung zu sehen. (…) je isolierter wir politisch wurden, desto militaristischer wurde unser Widerstand (!)… In diesen Tagen waren wir Spontis sehr nahe an ein wirkliches Zerschlagenwerden herangekommen und es war allein die politische Antwort, … die innerhalb einer Woche das Blatt wenden konnte. … gelang es, den Angriff auf uns … in einen Angriff!. In die Befreiung von Gerhard Strecker umzusetzen … – und dies alles in Zeiten finsterster politischer Repression und Radikalenverfolgung.« Des weiteren brandmarkt das SPD-Mitglied Alexander Schubart die SPD als Repressionspartei. |
| 14.7. | VerhaftungNicht nur eine Chronologie von Gisela Ickler, einer Frau aus der Frauenbewegung, die nun angeblich als Werferin des besagten Molotow-Cocktails identifiziert sei. |
| 27.7. | Go-In bei der Frankfurter SPD wegen dieser erneuten Verhaftung Im Verlauf des Sommers finden an die 20 weitere Hausdurchsuchungen statt. |
| Herbst: | Gründung des Internationalen Russell-Komitees gegen die Repression in der BRD. |
| Oktober: | Nullnummer »Pflasterstrand« erscheint. Wahl des Frauen-Asta. Mietstreiks in vier Studentenwohnheimen, von denen eines (Broßwitz) später besetzt wird |
| 1.12. | RZ-Anschlag auf das Offizierscasino auf der Air-Base |
| 8.12. | RZ-Anschlag auf die Schwarzfahrerkartei des FVV |
| Dezember: | Alternativer Jahrmarkt in der Uni (FrauenAsta): »Darunter verstehen wir genauso, daß Wir uns gegen geplante AKW's wehren – mit Bauplatzbesetzungen – wie auch Apfel direkt vom Erzeuger an die Verbraucher liefern, (…) gegen die schleichende Vergiftung unserer Umwelt.« |
| 1977 | |
| Februar: | In einem Beitrag von Joschka Fischer für die »Autonomie« Nr.5 präzisiert sich – von heute aus gesehen – die Tendenz der Sponti-Pfingstkongreßbeiträge: »… was (ist), wenn die Revolution so, wie wir sie aus der Geschichte oder aus der Dritten Welt kennen, überhaupt NIE MEHR kommen wird, schlichtweg ÜBERHOLT ist, der VERGANGENHEIT angehört und was ganz anderes vonnöten ist????« (Hervorhebungen von Fischer) |
| April | Nach Jahren betritt die RAF wieder die Bildfläche: In Karlsruhe werden Generalbundesanwalt Buback und seine beiden Begleiter erschossen. In der Göttinger Studentenzeitung wird unter dem Pseudonym »Mescalero« ein Artikel veröffentlicht, in dem der »klammheimlichen Freude« über die Aktion Ausdruck gegeben wird, der sich aber ansonsten kritisch mit ihr auseinandersetzt. Die Zeitung wurde wegen dieser Passage beschlagnahmt, der Artikel daraufhin in anderen Sceneblättern nachgedruckt, was wiederum Repressalien nach sich zog. |
| Mai: | Hans-Jochen Klein, Ffmer Sponti und RZ-Mitglied des Kommandos, das im Dezember 76 die OPEC-Sitzung überfiel, veröffentlicht einen Brief im »Spiegel«, dem er einen Revolver, Munition Und Fingerabdruck beilegt. Er distanziert sich darin von den RZ und gibt zwei angeblich von den RZ ins Visier Genommene preis (Galinski und der Leiter der jüdischen Gemeinde in Ffm). Gleichzeitig stellt er sich als Verfolgten, der hingerichtet werden solle. Der »Pflasterstrand«, in dessen Umfeld die Unterstützer von HJK, die »Jemand«, zu suchen sind, druckt diesen Brief nach. Ihm kommt er gerade recht als »Zeuge«, der die »Gefühlskälte und Killermentalität« der Guerilla authentisch zu enthüllen vermag, um eine beispiellose Kampagne gegen den bewaffneten Kampf sowie die militante Scene zu führen: Zitat aus einem »Brief von Jemand«: »Alle Versuche, uns zu ermitteln, um das Todesurteil an Genossen Klein vollstrecken zu können, werden als das behandelt, was sie sind: Bullen-Aktivitäten. Wir kennen viele Namen. Wir würden nicht davor zurückschrecken, sie zu nennen. Der Kampf geht weiter! JEMAND«. Diese hier an die RZ gerichtete Drohung wurde de facto auf alle Ffmer Militanten in Form einer »Schwarzen Liste« erweitert, die immerhin 100-150 Namen enthielt. |
| Im Herbst | beginnt sich die Diskussion im PS auf eine Wahlbeteiligung zuzuspitzen. |
| Im März 1978 | stellt sich die Grüne Liste Hessen zur Landtagswahl. |
Stellt zunächst mal kurz die verschiedenen Konzepte von RAF, RZ und Bewegung 2. Juni dar!
C: Über die Ausgangspunkte ließe sich vor allem auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte sehr viel sagen, grundlegender Ausgangspunkt aller Konzepte ist aber der: wer die Revolution thematisiert, muß auch die Machtfrage, damit auch die organisierten Massengewalt und des bewaffneten Kampfes thematisieren.
B: Das Konzept der RAF beruhte auf der These, daß Guerilla und politische Massenarbeit wegen der staatlichen Überwachung personell nicht vereinbar seien, von daher der Schritt in den Untergrund notwendig sei. In der Schrift "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa", dessen Verfasser Horst Mahler war, wurde ein Zwei-Phasen-Konzept vorgestellt: In der ersten Phase Bildung von im Untergrund tätigen Kommandogruppen, die in allen Ballungszentren zahlreich zu entwickeln seien und zur Bildung lokaler Widerstandszentren führen sollten. Deren Aufgabe sei der Angriff auf alle Institutionen und Funktionsträger von Staat und Kapital. In der 2.Phase dann die Bildung von "Milizen", die in Fabriken bzw. Stadtteilen politisch arbeiten und denen die Aufgabe zukomme, durch offene wie verdeckte Aktionen das Bewußtsein von der Gegenwart der bewaffneten Volksmacht wachzuhalten. Diese solle zur Deorganisation und Demoralisierung der Repressionskräfte in einem langdauernden, zermürbenden Kleinkrieg führen, an dessen Ende dann der allgemeine Massenaufstand stehe. Die RAF distanzierte sich zwar später von Mahler, nicht aber von diesem politisch-militärischen Konzept. In reduzierter Form findet es sich in der in den letzten Jahren propagierten Einheit von Guerilla und Widerstand wieder.
A: Demgegenüber war das Konzept der RZ genau andersrum angelegt: statt Bildung vorı im Untergrund lebenden Kommandogruppen, Organisierung von Gegenmacht in kleinen Kernen - grob vergleichbar den "Milizen" in Mahlers Konzept -, die in den verschiedenen gesellschaftlichen Konfliktzonen agieren und intervenieren und weiterhin Teil der politischen Massenarbeit sein sollen. Mit dem langfristigen Ziel, über die Entwicklung vieler derartiger Kerne die Stoßrichtung für die Stadtguerilla als Massenperspektive zu schaffen.
D: Von der Bewegung 2.Juni gab’s wenig vergleichbare strategische Aussagen. Sie hatte ihren Ursprung und Schwerpunkt in West-Berlin, wo sie in der Szene einen starken Rückhalt hatte. Viele wenn auch bei weitem nicht alle ihrer Mitglieder waren wegen militanter Aktionen in den Untergrund gedrängt worden.
Wie wurden diese Konzepte damals in der Ffmer Szene diskutiert, inwieweit wurden sie Bestandteil der eigenen Strategie und inwieweit als Ergänzung zur eigenen Politik betrachtet?
B: Das Verdienst der RAF war, das Konzept Stadtguerilla und bewaffneten Kampf auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Und darüber auch die Frage nach der eigenen revolutionären Identität und Radikalität. Auf einer ganz persönlichen Ebene bedeutete das Konzept Stadtguerilla, die jeweiligen individuellen Hintertürchen für immer zu verschließen. Und da war das Erschrecken von weiten Teilen doch recht groß … denn diese Hintertürchen waren doch ziemlich breit vorhanden und wurden ja schon Anfang der 70er intensiv genutzt und politisch ummäntelt diskutiert. Auf der anderen Seite gab's anfänglich eine ziemlich breite Sympathie und auch materielle Unterstützung der RAF (Ausweise, Wohnungen). Daß die dann zurückging, war zum Teil von der RAF selbst durch ihren etwas allzu sorglosen und einfordernden Umgang mit ihren Unterstützern verschuldet. So wurden z.B. in aufgeflogenen RAF-Depots Unmengen von überlassenen Ausweisen gefunden, die in keinem Verhältnis zur tatsächlich benötigten Anzahl standen.
C: Was auf breite Ablehnung stieß und den Wortführern der Spontis die Auseinandersetzung mit der RAF allzusehr vereinfachte, war deren Avantgardeanspruch. Insofern waren 2. Juni und RZ durch ihre "kulturelle" Nähe für die Spontis viel attraktiver, was seine Entsprechung auch in den Attacken von Cohn & Konsorten gerade gegen diese Gruppen fand.
A: Ein anderer Punkt, der ja auch von den RZ immer wieder aufgegriffen und kritisiert wurde, waren die Minimalbedingungen, die die RAF für den bewaffneten Kampf formulierte: konspirative Wohnungen, gefälschte Ausweise, umfrisierte Autos, starke Bewaffnung, Geldbeschaffung, Aktionslevel nicht unterhalb von Bomben usw. Das war ein jahrelang verbreitetes Bild vom bewaffneten Kämpfer, das unheimlich viel blockiert und nur zur Mythenbildung beigetragen hat.
D: Hinzu kommt ja, daß die RAF als kämpfende Truppe faktisch nur sehr kurz existiert hat. Nach den Verhaftungen vom 1.6.72, die deren vorläufiges Ende bedeutete, reduzierte sich von daher die Auseinandersetzung mit der RAF auf Knast und Hungerstreiks. So war es auch kein Zufall, daß für die Rekrutierung never RAF-Kader Szenes wie die in Ffm kein Potential waren, sondern eher relativ bewegungsarme Städte wie Karlsruhe und Stuttgart, die auch vom Stammheimprozeß mehr tangiert waren.
Vorhin wurde schon gesagt, daß für Ffm RZ und 2.Juni die attraktiveren waren.
C: Die Tatsache, daß die Fragen von Militanz und bewaffnetem Kampf in den Zentren der Bewegung wie etwa Ffm oder Berlin viel brisanter waren und dort Gruppen wie 2. Juni oder RZ ihren Ursprung hatten, hängt mit der Intensität der dort konzentrierten Kämpfe zusammen: Bei einem bestimmten Stand der Klassenauseinandersetzung stellt sich irgendwann zwangsläufig die Frage, wie die Bewegung weiterentwickelt werden kann, weil man sich mit den Beschränkungen der traditionellen Formen von Demonstrationen und Massenmilitanz konfrontiert sieht. Diese Gruppen sind als direkte Antwort darauf entstanden, während sich die RAF dem spätestens ab Stockholm nicht mehr stellte
A: Zumindest was die RZ betrifft, fand lange Zeit eher eine Ausblendung statt, im Grunde bis 76, als nach der Strecker-Geschichte im Rahmen der Anti-MilitanzKampagne eine Anti-Terrorismus-Kampagne begann, die ganz gezielt gegen die RZ’s ging.
Das entspricht ja ziemlich exakt bis heute der unterschiedlichen Behandlung von RAF und RZ in den offiziellen Medien: während die einen – RAF – hochgeputscht werden, werden die anderen – RZ – weitgehend totgeschwiegen. Und das kann nicht allein mit dem unterschiedlichen Aktionslevel erklärt werden.
Dazu zwei Beispiele: Als eine RZ – 76 oder 77 war das – das Offizierskasino auf der Air-Base vollständig in die Luft blies, hieß es in der Presse: Methangasunfall; oder ganz aktuell bei den Berliner Schüssen in die Beine vom Hollenberg findest du in der Frankfurter Rundschau nicht mal eine Notiz, daß die RZ die Verantwortung übernommen haben.
B: Das ist richtig. Es gibt da aber noch – jedenfalls läßt sich das für die Ffmer Situation damals sagen – einen anderen Punkt; daß die RZ's damals der Bewegung bzw. ihrem eigenen Konzept arg hinterhergehinkt sind, es nicht eingelöst haben oder auch nicht konnten.
1.Beispiel Häuserkampf: Gerade in dieser breiten, die politische Diskussion über Jahre beherrschenden Bewegung mit einer entfalteten Massenmilitanz hätten persönliche Angriffe auf die Spekulantenschweine angestanden. Die RZ dagegen machten bis Herbst 75 fast ausschließlich antiimperialistische Aktionen...
2.Beispiel FVV: 1 Jahr nach den Nulltarif-Straßenschlachten vom Mai 74, bei den neuerlichen Preiserhöhungen im Mai 75, wurde klar, daß die Massenkampagne von 74 so nicht zu wiederholen war. Ausgerechnet hier klinkten sich die RZ im Herbst 75 ein und begannen mit ihrer mehrjährigen FVV-Kampagne. Was hieß das? Eben weniger – laut Konzept – Massenbewegungen unterstützen und so Strukturen von Gegenmacht schaffen, sondern unausgesprochen den eigenen Ansatz gegen das Massenkonzept stellen und damit letztlich Militante für die eigenen Strukturen zu rekrutieren und abzuziehen.
C: Das war nur Ausdruck und Fortschreibung der Polarisierung, die bereits Ende 74 mit der Erschießung vom Drenkmann eingesetzt hatte. Da gab”s ja selbst innerhalb der Putzgruppe statt Diskussion und Auseinandersetzung nur Diffamierung, die eine nicht distanzierte Haltung zur Guerilla auszugrenzen suchte.
D: Das Fatale daran war doch, daß die Auseinandersetzung um den bewaffneten Kampf die politische Blockierung und Diffusion in kaum noch in die Szene vermittelte Ansätze (Betriebsgruppen, Zentren) nur noch verstärkte. Nach Drenkmann reduzierten sich die Diskussionen auf Pro oder Kontra bewaffneter Kampf. Dem leistete die Erklärung des 2. Juni auch reichlich Vorschub; sie war in militärischer Sprache gehalten und zielte auf Polarisierung. Seitens der Militanten bedeutete das zunehmende Abschottung und Aufgabe einer kollektiven Debatte um Fortsetzung bzw. Neubestimmung der politischen Massenarbeit.
C: Da hast du aber selbst dran mitgestrickt...
D: Sicher, ist ja auch eine Selbstkritik. Der Hintergrund war doch – anders als heute, daß die Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Kampf relativ neu war, die Erfahrungen damit halt sehr beschränkt und daß nach dem Abflauen der Massenkämpfe vielen von uns darin die Alternative zu liegen schien. Wobei aber der grundlegende Fehler der war, von einer Zweigleisigkeit von Politik und Militanz auszugehen, die heute noch existiert. Damit räumten wir auf der politischen Massenebene das Feld und isolierten uns damit selbst.
A: Ich würde das noch etwas schärfer formulieren und zwar unter zwei Voraussetzungen: 1. Als wichtigste Bedingung für die Entfaltung des revolutionären Prozesses benannte die bereits zitierte Schrift Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa – Zitat – »die Verbindung der Guerilla mit den politischen und ökonomischen Kämpfen der Massen. Nur wenn diese Verbindung zum wesentlichen Kern der Strategie des Partisanenkriegs gemacht wird, kann die Guerilla überleben und sich entwickeln–. Entsprechend wurde auch in der 1. Ausgabe des Revolutionären Zorn als strategische Überlegung das Anknüpfen an –gesellschaftliche Konflikte– formuliert.
Welcher Art aber diese Kämpfe und Konflikte waren, daß das Kapital die Arbeiter- und Massenkämpfe als inneren Motor der Kapitalentwicklung nicht nur benutzt, sondern geradezu braucht, wurde fast ein Jahrzehnt lang überhaupt nicht thematisiert. Erst 83/84 wurden von den RZ in dem Friedensbewegungs- und 35-Stunden-Papier solche Fragestellungen erstmals aufgeworfen.
Und der 2. Aspekt sind das politische Bewußtsein und die politischen Zielvorstellungen der bewaffneten Kämpfer. Bis heute gilt doch unter den Militanten die Gleichung: Militanz/bewaffneter Kampf = Radikalität/revolutionäre Identität. Auch hier ist es doch längst überfällig, diese Gleichsetzung endgültig über Bord zu schmeißen. Der revolutionäre Gehalt einer Gruppe oder Organisation macht sich doch nicht ausschließlich an den Formen des Kampfes fest. Der Reformismus bleibt, auch wenn er bewaffnet auftritt, Reformismus. Am Beispiel des ANC wurde dies im Südafrika-Artikel der Wildcat bereits thematisiert, und bei den meisten anderen Befreiungsbewegungen sieht das ja nicht viel anders aus. Und wer sich hier die politische Theorie der RAF vornimmt, dürfte auch da kaum zu einem anderen Ergebnis kommen...
B: Wenn du das so als bewaffneten Reformismus definierst, mußt du aber auch deine Reformismus-Definition mitliefern...
A: Richtig. Das Problem ist doch, daß die Definition des Reformismus allzusehr an das subjektive Bewußtsein ihres Trägers gekoppelt wird bzw. als moralische Kategorie gehandhabt wird, was in der Gleichsetzung Reformist = Verräter-/Schwein seinen Ausdruck findet. Demgegenüber kann das doch nur an politischen Kategorien festgemacht werden wie Klassenautonomie, Staat usw. Von daher ist jeder, der für einen anderen Staat, auch für den Arbeiterstaat kämpft, ein Reformist – ob nun im Parlament oder mit Mollie oder Knarre in der Hand.
C: Das, was du kritisierst, hat seinen Ursprung in der bereits angesprochenen Polarisierung Mitte der 70er. Was für diejenigen, die für den bewaffneten Kampf eintraten, angesichts der sich verbreitenden Resignation und des Rückzugs in die Alternativen doch zunehmend hieß, die eigene politische Identität aufrechtzuerhalten.
B: Das hatte verschiedene Konsequenzen: 1. daß sich die Diskussion auf den bewaffneten Kampf, in seinen existierenden Formen verengte, 2. weder die Grundlagen politischer Massenarbeit neu diskutiert, noch die Politik der Spontis einer umfassenden Kritik unterzogen wurde, 3. die breite Befürwortung des bewaffneten Kampfs kaum praktisch nachvollzogen wurde, weil das unter diesen Umständen allzusehr eine Frage individueller Stärke und existenzieller Entscheidung war, 4. aber trotzdem auf breiter Ebene die ausschließliche Verlagerung der Diskussion in Kleingruppenzusammenhänge bedeutete, was sich bis heute als Unfähigkeit fortsetzt, eine umfassende politische Massenarbeit zu beginnen, da mit den Kleingruppenstrukturen auch die Notwendigkeit aufgegeben wurde, die gesellschaftlichen Bedingungen für die Ausweitung der Bewegung zu suchen.
D: Von den Spontis wurde der Guerilla lange Zeit die organisierte Massenmilitanz als Konzept entgegengestellt. Das läßt sich in zwei Phasen aufteilen: 74 und die Zeit kurz danach, wo Massenmilitanz als Konzept und Kritik an der Institutionalisierung einer Guerilla außerhalb der Massenbewegung verstanden wurde – danach die Proklamierung der Massenmilitanz – anstelle ihrer Praktizierung – als Teil der Anti-Guerilla-Kampagne des Pflasterstrand.
B: Das Konzept Massenmilitanz ist praktisch nach dem Ende des Häuserkampfs vollständig gescheitert. D.h. die Aktionen gingen nie über das Planungsstadium hinaus, seien es die persönlichen Angriffe auf die Spekulanten, Angriffe auf die Büros der westdeutschen Drahtzieher des Putsches in Chile oder das Plattmachen des US-Generalkonsulats im Anschluß an die Chile-Demo.
Woran scheiterten diese Geschichten und v.a. wodurch unterschieden sie sich von denen der RZ, z.B. was die persönlichen Angriffe auf Häuserspekulanten angeht ?
B: Die Unterschiede lagen in den Mitteln: Fresse polieren, die Büros kaputtschlagen und als "höchste" Ebene halt Mollies. Gescheitert sind die Aktionen an Tolpatschigkeiten beim Auschecken und einer Angst, die auch in den Unzulänglichkeiten der Mittel lag, also was ist, wenn der Spekulant bewaffnet ist? Außerdem am Prinzip der Einstimmigkeit, so im Fall des US-Konsulats.
D: Daraufhin war erstmal ein Jahr lang Sendepause bis zum Angriff auf das spanische Konsulat. Da mache ich auch den Unterschied fest. War das Massenmilitanzkonzept vorher noch der praktische Versuch, eine eigene Taktik zu entwickeln und Ausdruck der Kritik an der Guerilla, daß man sich nicht in Minigrüppchen isolieren dürfe, weil dabei der Bezug zur gesellschaftlichen Realität verloren ginge, wurde es nun zum bloßen Instrument, mit dem Teile der Szene gegen die Guerilla bei der Stange gehalten werden sollten.
A: Dafür spricht, daß hier auch Leute als Organisatoren aufgetreten sind, die die Militanz in den ganzen Jahren vorher nicht gerade propagiert hatten. Namen können wir dabei aus dem Spiel lassen. Ins Auge springt der zeitliche Zusammenhang mit der FVV-Kampagne seitens der RZ. Die hatten es echt nötig, dem was entgegenzusetzen.
D: Diese Aktion war von ihrer Organisierung und ihrem Ablauf her kein Beispiel, das zu weiteren Taten reizte. Sie demonstrierte sicher für die meisten lediglich die Beschränkungen solch klandestiner und nicht von allen Beteiligten überblickbaren Aktionen. Das ganze Chaos, das sie auszeichnete, war eher geeignet, das zu manifestieren, was viele sowieso mit dorthin gebracht hatten: Schiß. Die Putzgruppenzusammenhänge lockerten sich, und erst die Ermordung von Ulrike Meinhof fügte sie partiell wieder zusammen.
B: Wie schon gesagt kehrte sich nach der Meinhof-Demo und der Strecker-Unschuldskampagne das Massenmilitanzkonzept seiner taktischen Verfechter um. Bei weitem nicht die ganze Szene, ob nun Militante oder nicht, wollte dieser Wende folgen. Lange nicht alle hatten sich die Gedanken an revolutionäre politische Perspektiven, an eine radikale Umwälzung aus dem Kopf geschlagen. Militante Aktionen als Möglichkeit, den einmal begonnenen Kampf weiterzuführen, waren noch immer präsent, symbolisierten den Willen zur Veränderung und die Weigerung, sich mit den Verhältnissen abzufinden, sie nur noch zu kritisieren und vielleicht ein wenig zu verändern in den Nischen, die sie bieten. Es war offen und noch zu diskutieren, wie und mit welchen politischen Inhalten.
D: Mit der Entsolidarisierung durch die Klein-Klein-Kampagne, die über Monate die Diskussion beherrschte und die sich eben nicht nur gegen die Guerilla, in diesem Fall speziell die RZ, wandte, sondern gegen alle, die sich nicht distanzieren mochten, sollte diese Diskussion endgültig beendet werden. Es war sicher kein Zufall, daß sie gerade mit dem Ex-RZ-Mitglied Klein – von den Spontis, jenen die heute an der Erhaltung dieses Systems überaus konstruktiv mitarbeiten, mit dieser Unerbittlichkeit und so viel Geifer im Maul geführt wurde.
C: Die Drohung mit Denunziation, die Denunzierung der Guerilla als kaltblütige, menschenverachtende Kreaturen wollte die Polarisierung in Pro und Contra. Man brauchte sie, um die politische Bestimmung einer revolutionären Massenlinie sowie ihrer militanten oder bewaffneten Formen und Kampfmöglichkeiten, die potentiell vorhanden waren, nicht nur zu blockieren, sondern zu unterbinden; sie auf ein Für und Wider Gewalt zu reduzieren. Die Spontis waren auf dem Weg zu der reformistischen Kraft, die über die Sachkenntnis verfügt, die nötig ist, um sich als Partei zu etablieren, die die Revolte im Zaum zu halten vermag.
D: Die Möglichkeit, diese Frage in Frankfurt zwischen den beiden Polen, die heute Grüne/ Pflasterstrand auf der einen und Antiimps auf der anderen Seite heißen, öffentlich und das heißt in breiterem Rahmen zu diskutieren, gibt es noch immer nicht. Für die RAF oder für die Grünen – ein Weder-Noch wird nicht zugelassen, weder von den einen noch von den anderen.
B: Es ist an der Zeit, diesen Mechanismus zu durchbrechen, von den Denunziationen und der Entsolidarisierung der Grünen Spontis letztlich immer wieder zu einer Solidarisierung mit der RAF gezwungen zu sein, ohne eine Kritik an deren Politik einbringen zu können. Lange genug sind die wichtigen Auseinandersetzungen in dieser Blockierung zerrieben worden...